Auf dem Sprung in andere Sphären

Hürdenläufer Jason Joseph, zweitschnellster Junior der Welt, misst sich erstmals mit internationaler Konkurrenz.

Für seinen magischen Moment hatte sich Jason Joseph nicht die ganz grosse Bühne ausgesucht. Stadion Trinermatte, Zofingen – nicht unbedingt der Ort für Sternstunden der Leichtathletik.

Doch am 3. Juni war das Hürden-Talent des LC Therwil dort in eine andere Sphäre gelaufen. Bereits nach 13,25 Sekunden hatte der 18-Jährige alle Hindernisse überwunden und die 110 Meter hinter sich gebracht. Noch nie war ein Schweizer Junior in dieser Disziplin schneller gewesen. Weltweit unterbot 2017 nur ein U20-Athlet, der Jamaikaner De‘Jour Russell, die Zeit des Oberwilers. Eine sensationelle Leistung eines Aussergewöhnlichen.

Normal verläuft bei Josephs Karriere nämlich fast nichts. Bereits der Start seiner Laufbahn als Leichtathlet war speziell. Am Anfang stand ein Sportstag. Dort glaubte ein Mitglied des LC Therwil vor sechs Jahren, einen besonders begabten Jungen entdeckt zu haben. Er lud den 12-Jährigen, der sich eher für Fussballer interessierte als für Hochsprung oder Kugelstossen, zu einem  Probetraining ein – der Karrierebeginn des Jason Joseph.

Ein grosser Zufall
«Das war schon ein grosser Zufall», hält Josephs heutiger Trainer Philipp Schmid fest. Systematisches Scouting bei Sportstagen gebe es nicht, dass an einem solchen Anlass ein derartiges Talent entdeckt wird, habe Seltenheitswert. Doch schon in den ersten Trainings zeigte sich, dass Joseph in der Leichtathletik am richtigen Ort ist. «Entscheidend ist das Bewegungsgefühl», erklärt Schmid. «Ein begabter Athlet kann mit wenig Training seine Technik verbessern». Jason war ein aussergewöhnlich begabter Athlet.

Jason selbst beschreibt seinen Start in die Leichtathletik etwas weniger euphorisch: «Es gab viele Übungen, die ich nicht kannte und entsprechend nicht so gut im Griff hatte. Stundenlang bin ich dann zu Hause in der Küche herumgehüpft und habe trainiert, damit ich mich auf dem Sportplatz nicht schämen muss», erzählt Jason lachend. Doch nicht nur koordinative Übungen bereiteten dem Neo-Athleten Schwierigkeiten, auch mit der Konzentration hatte er so seine liebe Mühe.

Zuhören gehörte nicht zu seinen Stärken. «Jason hatte immer Flausen im Kopf», sagt Schmid. Doch damit müsse ein Trainer eben umgehen können. «Genau diese Verspieltheit, das Exzentrische macht einen derartigen Spitzenathleten aus.» Immer wieder erzählt Schmid von der Genialität, die Jason besitze. Die Trainer waren es, die feststellten, dass er diese über die Hürden am besten würde ausspielen können. «Ich mochte das Hürdenlaufen zu Beginn überhaupt nicht, fühlte mich sehr unwohl», sagt  Jason. Doch der Baselbieter hatte die perfekten Voraussetzungen, um schnell über die Hindernisse zu kommen – dank seiner Grösse, inzwischen misst er 1,90 Meter, und seinem Körpergefühl. Und mit den ersten Erfolgen fand dann auch Joseph Gefallen an den Hürden.

Trotzdem brauchte es einen Schlüsselmoment, um Joseph von seinem Potenzial in dieser Disziplin zu überzeugen – und auch der ist aussergewöhnlich. Entscheidend für den weiteren Verlauf seiner Karriere war nämlich ein Fehlstart. An seinen ersten Schweizer Meisterschaften im Nachwuchsbereich steigerte sich der Oberwiler von Lauf zu Lauf, stellte eine Bestzeit nach der anderen auf. Im Final durfte er plötzlich von einer Medaille träumen. Doch mit der Aussicht auf Edelmetall katapultierte er sich zu früh aus dem Startblock. Er wurde disqualifiziert.

«So nah liegen Triumph und Niederlage beisammen. Diese Erfahrung hat ihm gezeigt, dass er das Potenzial für Grosses hat. Doch nur wenn er sich total fokussiert, kann er es auch ausschöpfen», sagt Schmid. Nachdem ihn ein Knorpelanriss im Knie während über einem Jahr ausser Gefecht gesetzt hat, kann das Juwel des LC Therwil nun endlich zeigen, zu was es fähig ist. Ständig müssen er und sein Team die Ziele neu definieren. Stand zu Beginn der Saison noch die Qualifikation für die U20-Europameisterschaften im Vordergrund, ist Joseph seit seinem Exploit in Zofingen Favorit auf den EM-Titel. «Wir haben alles komplett umgestellt und auf diesen Wettkampf ausgerichtet», erklärt Schmid.

Es ist ein ganz neues Feld, das ich hier betreten werde.

Jason Joseph
Hürdenläufer LC Therwil

Ein neues Feld
Deshalb läuft sein Schützling heute Samstag an der renommierten Junioren-Gala in Mannheim zum ersten Mal ein internationales Rennen. «Es ist ein ganz neues Feld, das ich hier betreten werde», sagt Jason. Plötzlich stehen da nicht mehr Athleten aus Yverdon, St. Gallen oder Lugano neben ihm, sondern Sportler aus Grossbritannien oder Deutschland, die ähnliche Zeiten laufen wie er. Um sich auf solche Momente vorzubereiten, arbeitet Jason mit einem Mentaltrainer und führt unzählige Gespräche mit seinen Trainern.

Nur wenn er im Kopf bereit ist, kann er die Erwartungen erfüllen. Doch wie weit kann der Weg des Jason Joseph gehen? Schmid ist überzeugt, dass er dereinst europäisch zur Spitze gehören kann, wenn seine Entwicklung nach Plan verläuft und keine grösseren Verletzungen hinzukommen. Und fügt dann im diplomatischen Trainer-Jargon an, dass er ihm durchaus auch Überraschungen an einer Weltmeisterschaft oder den Olympischen Spielen zutraut. Joseph selbst träumt von Tokio 2020. Eine Olympia-Teilnahme mit 21 Jahren wäre für einen Schweizer Leichtathleten schon etwas sehr aussergewöhnlich – und würde bestens zur bisherigen Entwicklung von Joseph passen.