Blitzkarriere mit Hindernissen

Hürdensprinter Jason Joseph, zweitschnellster Junior der Welt, startet 2018 bei der Elite – mit grossen Ambitionen

Lässig stoppt er den Fussball, jongliert ihn drei, vier Mal durch die Luft und kickt ihn dann mit dem Aussenrist zurück zum heraneilenden Stürmer, der versehentlich neben das Tor gezielt hat. «Sorry» – «kein Problem » – ein kurzes Abklatschen. Man kennt sich. Jason Joseph scheint hier auf dem Sportplatz Känelmatt in Therwil sowieso jeden zu kennen. Kein Wunder, hier hat alles angefangen. Auf der kleinen Anlage mit der halben Bahn wurde aus einem Fussballer und Basketballspieler eines der grössten Leichtathletiktalente der Schweiz. 

Leichtathletik auf Spitzenniveau aus der Region Basel – das war in den letzten Jahren vor allem viel Alex Wilson, ein bisschen Nils Wicki und vielleicht noch etwas Salome Lang oder Gregori Ott. Doch seit letztem Sommer drängt ein neuer Name in die Schlagzeilen. Ein Titel und eine Zahl sind es, die den 19-jährigen Jason Joseph für die Journalisten so interessant machen, dass seine Mutter die Koordination der Medientermine übernehmen musste: Zum einen gewann der Oberwiler im vergangenen Juli über 110 Meter Hürden als erster Leichtathlet aus der Region Basel Gold an den U20-Europameisterschaften. Zum anderen liess er die Hindernisse einen Monat zuvor in nur 13,25 Sekunden hinter sich. Diese Zeit unterbot weltweit nur ein einziger Athlet seiner Altersklasse, De’Jour Russell aus Jamaika. Joseph war 2017 also der zweitschnellste Junior der Welt.

Ich sehe das aber nicht als Problem, sondern empfinde Freude, dass man mir so viel zutraut

Jason Joseph
Hürdenläufer LC Therwil

Ein Titel und eine Zahl mit Folgen
«Das ist unglaublich», sagt Joseph heute noch. «Nach meinem Lauf wusste ich, dass ich schnell war und suchte meinen Namen in der Jahresweltbestenliste. Unter den Top 20 fand ich mich nicht, also dachte ich ‹Tja, war wohl doch nicht so gut›. Als ich dann realisierte, dass ich auf Platz 2 liege, war das einfach nur krass.» Der Titel und die Zahl hatten Folgen: Der Schweizer Verband integrierte Joseph in das Förderprogramm «World Class Potential», in dem zehn Schweizer Junioren gezielt an die Weltspitze geführt werden sollen. Sportartikelhersteller Nike nahm ihn unter Vertrag, sodass er nun mit einem Häkchen auf dem Trikot am Start steht – «da erwarten die Gegner natürlich etwas». Und schliesslich erhielt er Förderpreise vom Panathlon Club beider Basel, vom Kanton Baselland und von der Sporthilfe.

«Die Auszeichnungen bedeuten mir viel», erklärt Joseph, um mit einem Lächeln anzugfügen, «und sie haben mein Mami etwas entlastet.» Mutter Susan Gross finanzierte den Start der Leichtathletikkarriere ihres Sohnes aus der eigenen Tasche. Nach seinen Erfolgen kamen Preisgelder und Unterstützung von Sponsoren, Stiftungen, Verband und vom Kanton hinzu. Josephs Ziel ist es, einst ganz auf seinen Sport setzen und davon leben zu können. Mindestens zwei Jahre muss er sich aber noch gedulden. Dann wird er die WMS Reinach abschliessen und kann sich auf seine Karriere konzentrieren. Die Zukunft besteht für Joseph zurzeit vor allem aus «Träumen und Wünschen» – aber auch aus Druck. Schliesslich erwartet man von einem der weltbesten Junioren Grosses. «Ich sehe das aber nicht als Problem, sondern empfinde Freude, dass man mir so viel zutraut.»

Dem Oberwiler steht ein Jahr voller Ungewissheiten bevor. Erstmals misst er sich eine komplette Saison lang mit der Elite und muss dabei höhere Hindernisse überwinden: Nachwuchshürden messen 99 Zentimeter, jene der Elite 106,68. «Mein Vorteil ist meine Grösse, die Umstellung fällt mir deshalb nicht so schwer wie anderen Junioren», erklärt der 1,93 Meter grosse Joseph. Trotzdem ist man natürlich etwas langsamer, wenn die Hürden höher werden. Rund eine halbe Sekunde muss zur Juniorenbestzeit hinzugerechnet werden. Für Joseph scheint also eine Zeit um 13,75 Sekunden realistisch. «Ich bin selbst gespannt, wie schnell ich laufen kann. Am liebsten wäre mir eine Zeit unter 13,72 Sekunden, das wäre Schweizer Rekord.»

Vorerst aber peilt Joseph 13,78 Sekunden an. Mit dieser Zeit würde er sich für die EM in Berlin (7. bis 12. August) qualifizieren. Auf diesen Wettkampf hat er seine Saison und die gesamte Vorbereitung ausgerichtet.
Zuletzt arbeitete er in einem Trainingslager in Kreta an Sprints, Kraft und Starts auf die Hürden. Jetzt fühle er sich bereit für seine erste Elite-Saison und den Saisonstart am 12. Mai am Hürden- und Sprintmeeting auf der Schützenmatte, sagt Joseph entschlossen und blickt über den Sportplatz Känelmatt. Hier begann vor sieben Jahren sein Aufstieg zu einem der grössten Leichtathletiktalente der Schweiz – durch Zufall. Nachdem Joseph an einem Sporttag entdeckt wurde, sagte ihm Philipp Schmid, sein Trainer beim LC Therwil: «Im nächsten Wettkampf läufst du über die Hürden.» Also versuchte sich Joseph an den Hindernissen. Fazit: «Es war katastrophal!» Joseph lacht laut auf, als er an diesen ersten Kontakt mit seiner Disziplin zurückdenkt. «Mit der Technik kam ich überhaupt nicht klar.» Doch Schmid erkannte das Potenzial, das der junge Joseph über Hürden besass. Ein Rohdiamant, den es zu schleifen galt.

Ein erfahrener Förderer im Team
Im kommenden Jahr wird Joseph weniger oft auf der Känelmatt anzutreffen sein. Für seine Ausbildung absolviert er ein Praktikum in St. Gallen – nicht einfach für einen Spitzensportler, der sich ein Umfeld aufgebaut hat, in dem er optimale Bedingungen vorfindet. Doch wie ernst es der Baselbieter mit seiner Karriere meint, zeigt, dass er längst alles für seine Zeit in der Ostschweiz aufgegleist hat: Zu seinem Trainerteam mit Schmid und Claudine Müller wird Werner Dietrich dazustossen, der ihn in St. Gallen betreuen wird. Der 65-Jährige ist ein erfahrener Coach, der in der Szene als grosser Förderer von Talenten gilt. Zu seinen Schützlingen gehörten Werner Günthör, Linda Züblin oder Kariem Hussein. Alles scheint bereit für eine grosse Karriere. Auf einem kleinen Sportplatz in Therwil wurde ein Diamant geformt, der bereit ist zu funkeln. Vielleicht bereits in diesem Sommer.

Neue Höhe. Der Oberwiler Jason Joseph ist selbst gespannt, wie schnell er über die Elite-Hürden laufen kann.

Am 1. Mai wird die Saison eröffnet
Nach dem langen Wintertraining beginnt für die Leichtathleten aus der Region Basel nächste Woche mit dem 1.-Mai-Meeting auf der Schützenmatte endlich die Outdoor- Saison. Der erste Startschuss fällt um 11 Uhr, danach wird bis um 17.30 Uhr in diversen Disziplinen und Alterkategorien um schnelle Zeiten, Weiten und Höhen gekämpft. Nicht dabei ist Jason Joseph. «Dieses Meeting kommt zu früh mich», sagt der Oberwiler. Für ihn beginnt die Saison am 12. Mai mit dem Hürden- und Sprintmeeting – ebenfalls auf der Schützenmatte.